
Interview mit Neurowissenschaftler und Traumforscher Mark Solms in Spiegel Online: “Nachts offenbart sich unsere tierische Seite”.
Wenn wir träumen, ist unser Gehirn in einem anderen, ursprünglicheren Zustand als tagsüber. Daher werden Träume anders codiert als unser Wach-Erleben. Es ist eine relativ primitive Art zu denken, in Bildern, voller Emotionen und Instinkte und weniger in Sprache und Vernunft. Unsere Logik ist dabei so inaktiv, wie es nur geht.
Während des Traums sind all unsere emotionalen Schaltkreise aktiv. Vor allem ein System ist auf den Computertomographien hell erleuchtet wie ein Weihnachtsbaum: das Dopamin-System. Es schüttet den Botenstoff aus, der uns motiviert, in die Welt zu gehen und zu suchen, was unsere Bedürfnisse befriedigt – Essen, Trinken, Sex, Anerkennung. Aber wie können wir schlafen, wenn dieses System so hellwach ist?
Aus unseren Träumen können wir viel über unsere Seele lernen, weil die Kontrolle durch unser rationales Tagesbewusstsein wegfällt. Der instinktive, emotionale Teil unseres Bewusstseins wird aufgedeckt. Ja, es ist wahrscheinlich der Zustand, in dem wir am dichtesten an der Wahrnehmung dran sind, die wir als Baby hatten.
Es bedeutet, dass Träume motivierte Vorgänge sind, weil es unser Motivationssystem ist, das sie steuert. Der US-Neurobiologe Jaak Panksepp nennt es “Suchsystem”, andere das “Belohnungssystem”. Es sagt uns: Alles, was du brauchst, um zu überleben und dich fortzupflanzen, ist da draußen. Geh raus und hol es dir. Mit diesem schlichten Impuls geht es los, dann kommen Hindernisse und Bedrohungen: Der andere Typ will das auch, worauf du scharf bist, die Motoren für Aggression oder Flucht springen an. Der Traummotor ist ein neuronaler Schaltkreis, der uns mit der Welt interagieren lässt, auf der Suche nach dem, was unsere biologischen Bedürfnisse befriedigt. Tatsächlich erinnert es stark an Freuds Libido-Konzept – Verlangen im weitesten Sinne.
So wie er es beschreibt, ähnelt es dem Ego, wie wir es kennen. Allerdings gibt es nicht nur “Ego-Träume” sondern auch (prophetische) Weisheitsträume. Oder warum heißt es sonst, der Wahrtraum ist ein 32zigstel des Prophetentums?! Jeder von uns kennt schließlich Träume, die sich bewahrheiten.
Auch Solms scheint also – wie viele Traumforscher – nur einen Teil der Realität zu beschreiben und mag sich nicht vorstellen zu können, dass es auch andere Träume gibt. Oder er hat einfach nur Egoträumer gefunden und untersucht…