An die Westfälischen Nachrichten
LESERBRIEF ZU IHREM ARTIKEL am 29.1.: Nachruf Prof. Annemarie Schimmel
Sehr geehrte Damen und Herren von den Westfälischen Nachrichten!
Noch mehr als die Nachricht vom Tod von Annemarie Schimmel hat mich der unselige Nachruf in Ihrer Zeitschrift getroffen.
Ich weiss nicht, ob dieser inhaltlich sinnlose Titel “Zwischen Toleranz und Verklärung” von Ihnen oder der dpa stammt. Durch den Text zieht sich jedenfalls wie ein roter Faden eine unsachliche und überzogene Kritik an Frau Schimmel. Es fängt schon im ersten Satz an, wo ein ‘aber’ ihre Verdienste einschränken soll. Und die Nachrufschreiberin Frau Utermann kann es nicht lassen: In jedem Absatz wiederholt sich diese Art, die Verstorbene zu kritisieren, so dass man sich fragt, wozu dieser Nachruf eigentlich dienen soll, wenn nicht dazu, das Andenken und das Bild von Frau Schimmel mit dunklen Flecken zu versehen. Das hat sie nicht verdient und darüber ist sie wahrlich erhaben.
Diese – man kann schon sagen – “Strategie” der Verdunkelung des Bildes von Frau Schimmel zeichnet sich darüber hinaus durch keinerlei wirkliche Sachkenntnis aus. Es ist beschämend zu lesen, wie falsch und unsachlich und unkorrekt in einer deutschen Zeitung über den Islam oder seine “Denker” geschrieben wird.
Wenn Sie einen Nachruf von der dpa einkaufen, dann möchte ich Ihnen wünschen, dass Sie in Zukunft eine bessere Auswahl treffen und jemanden nehmen, der sich mit der Materie auch wirklich auskennt und es sich nicht nur zwischen Tuer und Angel angelesen hat oder sich – von irgendwelchen pseudowissenschaftlichen türkischen Intellektuellen und angeblichen Fach-Kollegen, die keine Ahnung vom Ursprung und Wesen des Islam haben, weil sie ihn nur aus ihrer Elfenbeinturmperspektive betrachten wollen – falsch beraten laesst, wie es im vorliegenden Fall offensichtlich passiert ist.
Frau Prof. Annemarie Schimmel hat – im Gegensatz zu diesen Schreibtischhengsten – sich ganz in diese Religion vertieft und sie von innen heraus kennengelernt. Ihr Fehler war, dass sie den Islam dabei auch schätzen gelernt hat – ein offensichtliches Sakrileg in unserer ja so aufgeklärten Zeit.
Wir brauchen keine staubtrockene intellektuelle Auseinandersetzung mit dem Islam, sondern das lebendige, interessierte und freudige Lernen voneinander. Hier war sie ‘Expertin’, das hat sie uns hinterlassen. Wie sagte schon Roman Herzog, den sie einst auf einer Staatsreise in Pakistan begleitet hatte: “Sie hat mir die Herzen der Menschen geöffnet.”
Diese Fähigkeit, wissenschaftliche Akribie mit tiefer Anteilnahme verbinden zu könenn, brauchen wir heute mehr als alles andere – Frau Schimmel war und wird mir darin immer ein wunderbares Vorbild sein.