Archive for the ‘Christentum’ Category

Ein Priester kann seine Sexualität leben, ohne den Zölibat zu brechen

Wednesday, February 10th, 2010

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(c) Carolus Wikipedia

hä? Wie soll das gehen? Die Psychotherapeutin Rotraud Perner in SPIEGEL ONLINE: “Priester müssen lernen, was Sexualität ist”. Und weiter:

Priester müssen lernen, was Sexualität ist und sich mit ihrer eigenen Sexualität auseinandersetzen. Ein Priester kann seine Sexualität leben, ohne den Zölibat zu brechen. Schwierig ist es für diejenigen, die gemerkt haben, dass sie den falschen Beruf gewählt haben. Die hatten meist davor schon Probleme mit ihrer Sexualität und daher die Hoffnung, dass sie durch ihren Beruf - durch den vorgeschriebenen Verzicht - quasi befreit werden. [...] Heutzutage ist es in vielen kleinen Gemeinden doch gar kein großes Thema mehr, wenn sich ein Pfarrer in eine Frau verliebt und diese ein Kind bekommt, da haben die Bürger kein Problem damit, wenn ihr Pfarrer eine Familie hat. Die meisten Priester jedoch sind nicht verliebt, sondern einfach nur geil. [...] Die Kirche selbst ist nicht das Problem, aber sie hat eines.

Grüß Gott - aber welchen?

Wednesday, February 7th, 2007

Warum die Geschichte von Christentum und Islam eine Geschichte gescheiterter Beziehungen ist - und warum wir ein Miteinander der Religionen brauchen.

Ein Kommentar von Heribert Prantl aus Sueddeutsche Zeitung v. 25.12.06

Im Jahr 2006 hat die deutsche Politik die drei Millionen Muslime in Deutschland entdeckt; der Bundesinnenminister hat ihre Vertreter zur ständigen Konferenz geladen. Wer am Ende dieses denkwürdigen Jahres eine adäquate Entdeckung machen will, kann seiner Familie unter dem Tannenbaum eine Überraschung vorlesen: Die christliche Weihnachtsgeschichte steht nicht nur im Lukas-Evangelium, sondern auch im Koran. Zur Jungfrau Maria kommt, im Koran nicht anders als im Evangelium, ein Gottesbote, um zu verkünden, dass sie einen Sohn gebären wird.

Muslimische Weihnacht

Auch im Koran fragt Maria verdutzt, wie dies geschehen solle, ,,wo mich doch kein Mann je berührt hat‘‘. Der Engel des Korans antwortet wie der des Evangeliums: ,,Dennoch wird es so sein; denn dein Herr spricht: ,Das ist mir ein Leichtes. Wir machen diesen Sohn zu einem Wunderzeichen für die Menschen.‘‘‘ Marias Sohn wird also gezeugt durch ein Wort Allahs (ist aber im Islam nicht Gottes Sohn). Maria gebiert dann nicht im Stall, sondern unter einer Palme. Aber die Szenerie ist wunderbar krippentauglich: Zu Marias Füßen lässt der Herr ein Bächlein fließen, und reife Datteln fallen auf sie herab. Und als man ihr der unehelichen Geburt wegen Vorwürfe macht, beginnt das Kind auf ihrem Arm zu reden und belehrt die Juden. Diese 19. Sure soll im Jahr 616 von Muslimen, die nach Abessinien ausgewandert waren, dem dortigen christlichen Kaiser und seinen Religionsgelehrten vorgetragen worden sein; diese sollen darin ein Zeichen der Zusammengehörigkeit zwischen der neuen islamischen Gemeinde und den Christen gesehen haben..

Geschichte gescheiterter Beziehungen

Das ist 1390 Jahre her - von Zusammengehörigkeit und Gemeinsamkeit war in all dieser Zeit wenig zu spüren. Die Geschichte von Christentum und Islam ist eine Geschichte gescheiterter Beziehungen. Zwischen 616 und 2006 liegen Kreuzzüge, heilige Kriege, Flugzeug- und Rucksackbomber, Hass und Terror im Namen Gottes: ,,Ein Jünger Allahs tötet mit gutem Gewissen; noch ruhiger stirbt er‘‘, so predigt es nicht bin Laden, sondern der heilige Zisterzienser-Abt Bernhard von Clairvaux; nur sagte er nicht Jünger Allahs, sondern ,,Ritter Christi‘‘. Die Fundamentalisten beider Religionen haben jeweils die alleinige Wahrheit für sich gepachtet und darum gekämpft, wessen Gott der stärkere ist - der Gott der Christen oder der Allah der Muslime. So wurde aus dem Monotheismus der Christen und Muslime ein heiliger Nationalismus, der noch viel schlimmer war als der politische.

Gott wurde zum letzten Motiv einer angeblich um des Heils der Welt willen gerechtfertigten Gewalttätigkeit. Auch diese Erkenntnis hat (neben dem starren Dogmatismus der Kirchen) dazu beigetragen, dass sich die Waage des Zeitgeistes im Westen zu einem wabernden Pantheismus neigt: An die Stelle der Religion des ,,einen Gottes‘‘ treten esoterische Schrumpfkulte, Hokuspokus und romantisches Heidentum. Anti-Monotheismus gehört auch zum geistigen Marschgepäck der Rechtsradikalen, die eine bizarre Linie ziehen vom Bund Gottes mit Mose zur Schwertmission des US-Präsidenten Bush. Es ist jedenfalls nicht so, dass nichts geglaubt wird im Westen; die Leute glauben fast alles. Diese Gleich-Gültigkeit im Westen macht den Dialog zwischen Okzident und Orient asymmetrisch: Die Christen und die, die es einmal gewesen sind, tun sich schwer mit dem Islam-Dialog, weil sie weder dem muslimischen Glaubensstolz noch den religiösen Kenntnissen der Muslime viel entgegenzusetzen haben. Die Auseinandersetzung mit den glaubensbewussten Muslimen macht den Westlern, ob gläubig oder nicht, erst einmal ihre eigene Unkenntnis über die Grundlagen des Christentums klar. Über Gemeinsamkeiten und Unterschiede können sie nicht reden, weil sie das kaum kennen, was beim Reden über Leitkultur ,,christlich-jüdisches Erbe‘‘ heißt.

Die Gleich-Gültigkeit im Westen macht den Vertretern der christlichen Kirchen Unterlegenheits-Angst - die sich im kleinlichen Verbot des Kardinals Meisner zeigt, an Kindergärten und Schulen gemeinsame Weihnachtsfeiern für christliche und muslimische Kinder abzuhalten.

Die Muslime beten mit uns den einen Gott an

Ist der Gott der Christen mit dem Allah der Muslime identisch? Das II. Vatikanische Konzil hat es 1964 so gelehrt: Die Muslime ,,beten mit uns den einen Gott an‘‘; Papst Benedikt hat diesen Satz beim Weltjugendtag in Köln wiederholt. Ausgerechnet der Kölner Kardinal verlangt aber nun von den Muslimen, zu ihrem Gott zu beten, während er sich an den seinen halte. Er schürt so die alte, unselige Gotteskonkurrenz, er grenzt ab und benutzt dazu Gott. Der ägyptische Religionsminister Zakzouk hat diese Schwäche gespürt, als er sich bei einer Tagung der Münchner Katholischen Akademie fast scheute, über das ihm gestellte Thema, die ,,Dreifaltigkeit Gottes‘‘, zu reden, die seit jeher zu den großen Streitpunkten zwischen Christentum und Islam gehört. Die Christen tun sich unendlich schwer, die Trinität zu erklären, und die Muslime unendlich schwer, sie zu respektieren, weil sie darin Vielgötterei sehen. Der Religionsminister sah aber angesichts schon bestehender Entfremdung wenig Sinn darin, die Andersartigkeit der Religionen noch zu betonen; er wollte die Gemeinsamkeiten suchen. Das ist der Kern des im Okzident verkannten und im Orient pervertierten Dschihad, der nicht heiligen Krieg fordert, sondern ein ,,Sich-Abmühen auf dem Weg Gottes‘‘.

Ewige Konkurrenz: Gott und Allah

Gemeinsamkeiten finden: Das ist ein bisher gescheitertes Jahrtausend-Projekt - es stellt nicht nur eine religiöse, sondern eine politische Aufgabe: Die Aufnahme der Türkei in die EU könnte ein spektakulärer Höhepunkt, ein Leuchtturmprojekt sein sowohl für den Orient als auch für Westeuropa, wo zehn Millionen Muslime leben. Es ist riskant, aber von welthistorischer Kraft. Der Streit um die Türkei ist zur Fortsetzung des tausendjährigen Zwistes geworden, der vom rechten Umgang mit dem Islam handelt. Viele Gegner reden heute wie einst Bernhard von Clairvaux, Enea Silvio Piccolomini oder der Dominikaner-Mönch Ricoldus de Monte Crucis, der seine Erschütterung über die Eroberung der Kreuzfahrerfestung Akkon und den Untergang seines Klosters in seinem Werk ,,Wider den Koran‘‘ niedergelegt hat. Die Befürworter stehen auf einem Fundament der Annäherung durch Dialog, das Petrus Venerabilis, John Wiclif und Nikolaus vonKues gelegt haben. Man wünschte sich im Disput von heute die Kenntnisse, die die Respektabilitäten von gestern hatten. Es geht bei der Adoption der Türkei nicht um irgendeine weitere EU-Erweiterung, sondern um die summa historica - um die große Lehre aus der Geschichte, die nicht ein Nebeneinander, sondern das Miteinander dieser Religionen fordert. [und genau deshalb wird die Türkei NIE ind ie EU aufgenommen werden] Und es wäre eine schöne Ironie der Geschichte, wenn ausgerechnet aus dem Miteinander der Religionen die Aufnahme der Türkei als das letzte große Projekt der europäischen Aufklärung entstünde. Diese Aufnahme beginnt nicht in Brüssel, sondern in Kindergärten und Klassenzimmern, zum Beispiel im
Bistum Köln. Das ist die Weihnachtsgeschichte.