Interessant: In seinem Newsletterabstract schreibt Spiegel Online “40% radikal orientiert”, auf der Webseite heißt es dann nur noch “fundamental orientiert”. Genau hier liegt der Hase begraben, genau dieser feine Unterschied wird systematisch der deutschen ahnungslosen Öffentlichkeit als nichtexistent verkauft. Die einfache Gleichung lautet: Wer betet = fundamental = radikal. (Peter Wetzels, der Autor der Studie, differenziert dann auch folgerichtig)
Fundamentalismus auf dem Vormarsch: Laut einer Studie des Bundesinnenministeriums sind vierzig Prozent aller in Deutschland lebenden Muslime radikal orientiert. Jeder siebte Islam-Gläubige kann mit Rechtsstaatlichkeit und Demokratie nichts anfangen, sechs Prozent sind demnach “gewaltaffin”. (Spiegel Online)
Innenminister Schäuble (frohlocke, jubiliere, hochjauchzet) warf sofort seine tibetanische Gebetsmühle von einem “ernstzunehmenden islamistischen Radikalisierungspotential” an. Wenn sich das Bundesinnenministerium mit dieser Studie nicht ein Ei ins eigene Nest gelegt hat.
Die Religion hat den Ergebnissen der Erhebung des Innenministeriums zufolge innerhalb der muslimischen Bevölkerung eine sehr große Bedeutung. Gerade für junge Leute werde ihr Glauben immer wichtiger. 40 Prozent der in Deutschland lebenden Muslime ordnet die Studie als fundamental orientiert ein. Diese hätten klare religiöse Orientierungsmuster und Moralvorstellungen.
40% haben klare religiöse Orientierungsmuster und Moralvorstellungen! Fragen: Ist das schlecht oder gut? Wie sieht es bei den anderen Religionen aus? Mir sind 40% zu wenig, es könnten ruhig auch 100% sein.
Nachtrag: Telepolis berichtet gewohnt differenziert. Wenigstens die.
Dass diese Einzelnennungen aber nicht indikativ für eine Akzeptanz terroristischer, (vermeintlich) religiös motivierter Gewalt sind, verdeutlichen die sehr hohen Quoten der Ablehnung von Selbstmordattentaten sowie terroristischen Handlungen. Deren Legitimation wird von über 90% der Befragten klar zurückgewiesen.
Für die Allgemeinbevölkerung über 18 Jahren gilt somit, dass Intoleranz, Akzeptanz von Gewalt und Distanz zur Demokratie “zwischen Muslimen und Nichtmuslimen vermutlich in mehreren Punkten vergleichbar sein dürften”.
Bei Schülern (2.693 Telefoninterviews 9./10. Klasse in Augsburg, Berlin, HH, Köln) sieht es dagegen etwas gestörter aus:
Noch bedenklicher ist der Anteil von einem Viertel der Befragten, die Gewalt für legitimierbar halten, “wenn es um die Verbreitung und Durchsetzung des Islam geht”. Auch die “individuelle Bereitschaft, Gewalt einzusetzen, wenn es der islamischen Gemeinschaft dient”, liegt mit 24% (in der Allgemeinbevölkerung 7,6%) hoch. Besondere Gefahr besteht in der Anfälligkeit dieser Jugendlichen dafür, über ihre Überzeugungen politisch instrumentalisiert zu werden.
Zu Selbstmordattentaten:
So haben wir beispielsweise Muslime nach ihrer Meinung zu folgender Aussage gebeten: “Wer junge Muslime auffordert oder dazu anleitet, Selbstmordattentate zu begehen, ist ein gottloser Krimineller.” 90 Prozent haben zugestimmt, 9,4 Prozent abgelehnt.